Vielleicht sollte ich einfach sagen, Claudia ist eine Person aus meinem Roman Traluna, nicht mehr und nicht weniger, aber die Sache ist doch ein wenig komplizierter, vielleicht ich die Figur schon recht früh in meiner Kindheit erfunden habe. Und zugegeben; ein bißchen verrückt ist es natürlich, immerzu die selbe Frau darzustellen. Eine Frau, bei der man (leider) meist zunächst die blonden Haare oder eine sonstige Verkörperung irgendwelcher von der Gesellschaft gelehrten Ideale zu entdecken meint, die meist ein wenig kalt und berechnend den Betrachter anschaut, selbst den eigenen Charakter nicht immer preisgeben will und sich vielleicht sogar verstellt und anders gibt, als sie eigentlich ist; eine Frau, die unübersehbar eine Vorliebe für das Bizarre hat, vielleicht auch gerne mal aus ihrer eigenen Rolle schlüpft, oder die hemmungslos ihre Fantasien auslebt.
     In meinen Ausstellungen oder bei sonstigen Gelegenheiten, bei denen ich anderen meine Bilder zeige, muß ich nicht selten einen halben Roman erzählen, bis die Betrachter so ansatzweise verstanden haben, was das ganze nun soll. Auch hier im Internet ist das nicht ganz einfach. Das Problem ist, daß sich meine Intension allein über die Bilder nicht unbedingt auf Anhieb erschließt, weil die Bilder nur ein Teil eines Ganzen sind, das sich auch aus meinem Buch (klar, etwas unfair, da es das noch nicht zu lesen gibt) oder gar meiner Musik und vor allem aber mir selbst zusammensetzt. Letztlich müßte ich also nicht etwas über Claudia, sondern eigentlich über mich selbst schreiben, um das Ganze zu erklären. Nur kurz sollte daher angerissen werden, daß das Herstellen von Bildern - und sicherlich nicht nur für mich, sondern wahrscheinlich für die meisten Maler von der Antike bis zur Neuzeit - in erster Linie immer eine Auseinandersetzung mit der eigenen menschlichen Existenz, mit deren Licht- und Schattenseiten, mit Freude, Lust, Ekelhaftigkeiten und Grenzen ist; eine Bewältigung von Erlebtem, aber gleichzeitig geradezu auch eine Meditation, die neue Kraft spendet.
     Doch nun wieder zu Claudia selbst: Nicht selten wird zunächst gemutmaßt, es handle sich um meine Freundin oder ein Fotomodell, doch dem ist nicht so. Claudia ist auch weder die Darstellung meiner Traumfrau noch ein Suchmuster, auf das ich Frauen in der Realität hin abklopfe oder beurteile, was von manch einem fälschlicherweise oft auf den ersten Blick herausintepretiert wird. Soweit die Abgrenzung, worum es mir bei der Darstellung von Claudia nicht geht. Die Frage ist nun, wer oder was ist Claudia dann? Das Problem ist, so ganz genau weiß ich eigentlich selbst nicht, und so wird es hier am Ende vielleicht auch nur bei einem unscharfen Bild bleiben:

Nun ja. Es mag zunächst ein wenig schizophren anmuten, aber Claudia ist eine Figur, die bereits auf meinen Kinderzeichnungen auftaucht und mich immer irgendwie verfolgt hat. Anfangs hat sie zwar ab und zu noch den Namen gewechselt, doch besteht für mich heute kein Zweifel, daß es immer die selbe Figur gewesen ist, auch wenn in meiner Kindheit noch diverse Spielkameradinnen oder frühe Schwärmereien dafür herhalten mußten, um gegenüber denen, denen ich meine Bilder gezeigt habe, nicht in Erklärungsnöte zu geraten. Die ersten Bilder (damals noch mit Filzstiften) entstanden, als ich 6 oder 7 Jahre alt gewesen bin. Sofern man überhaupt in diesem Alter davon sprechen kann, bin ich zum ersten Mal verliebt gewesen und folglich stellte ich dieses Mädchen auch auf meinen Zeichnungen dar. Etwa zeitgleich, und das hat einen für mich bis heute ungeklärten aber untrennbaren Zusammenhang, hatte ich das Schlüsselerlebnis mit der mittelalterlichen Hexenverfolgung, das als autobiographische Komponente auch Eingang in meinen Roman (ein Ausschnitt davon befindet sich in dem Textauszug "Claudia" auf www.traluna.de) gefunden hat. Allerdings habe ich mich damals nicht gefragt (gleichwohl aber festgestellt), warum ich das besagte Mädchen nicht so dargestellt habe, wie sie ausgesehen hat, und warum sofort aus der Figur auf meinen Bildern ein Charakter wurde, der mit der realen Figur nichts gemeinsam hatte. Leider ging diese erste Zeichnung verloren, aber es entstanden noch weitere, von denen eine hier links zu sehen ist. (Man beachte die Ähnlichkeit mit den Fantasiefiguren, die mir auf meinen früheren Kinderzeichnungen als Ersatz für Menschen dienten, die mir zu dieser Zeit noch zu kompliziert waren). Vergleichbares wiederholte sich auch später noch (siehe die Zeichnung aus dem Jahr 1978). Erst in der Pubertät habe ich mir irgendwann bewußt gemacht, daß die Figur auf meinen Bildern ein eigenständiges Wesen ist, das mit den realen Personen nichts zu tun hat. Vielleicht hatte ich auch einfach nur eine zu blühende Fantasie.


Die Anfänge; von links nach rechts: 1976 - 1978 - 1985 - 1989


Erstmals im Jahr 1983 habe ich angefangen, wirklich die imaginäre Figur auf meinen Zeichnungen darzustellen und sie in den folgenden Jahren immer weiter ausgefeilt, wobei es von da an aber nur noch um die zeichnerische Umsetzung und nicht die Figur an sich gegangen ist. 1985 schrieb ich zwar nicht meine erste aber meine bis dahin wichtigste Geschichte, in der diese Figur mitspielte. Aus dieser Zeit stammt auch ihr endgültiger Name Claudia.
     Natürlich kann man nicht sein ganzes Leben mit einem Phantom leben. Claudia ist daher auch stets ein Spiegelbild der Welt, in der ich lebe. So weiß ich auch, daß zum Beispiel auf Claudias Augen eine reale Person abgefärbt hat, in die ich vor langer Zeit einmal verliebt gewesen bin. So sind aus Claudias ursprünglich blauen (und ganz ursprünglich sogar braunen) Augen die heutigen eher graugrünen geworden. Auch die Stimme, die ich im Ohr habe, wenn ich mir vorstelle, Claudia würde sprechen, entstammt eindeutig einer realen Person, die ebenfalls sehr auf Claudia abgefärbt hat. Wahrscheinlich wäre Claudias Äußerlichkeit auch bis heute noch viel dynamischer, wenn ich nicht 1993 beschlossen hätte, sie von nun ab nicht mehr zu verändern, um eine geschlossene Serie zu zeichnen, in der ich alle Abweichungen von dem imaginären, inneren Bild wie die Macken einer realen Person behandle, die man eben akzeptiert.

Wenn ich Claudia für meine Zeichnungen noch einmal neu erfinden müßte, würde ich heute mit Sicherheit sehr viel mehr Wert darauf legen, daß sie sehr viel mehr Macken und Dinge hat, die dem von den Medien geformten Klischeebild gerade nicht entsprechen. Einen gewissen Sinn für die ästhetische Betrachtungsweise des menschlichen Körpers und auch eine gewisse Prägung durch die Sichtweise auf selbigen in unserer Kultur möchte ich mir zwar nicht absprechen, es wäre jedoch sicherlich auch sinnvoll, die Klischeebilder, die in unserer Zeit immer weiter ausufern, zu bekämpfen, da sie die Sicht auf das Wesentliche völlig verwässern. Aber dafür ist es was Claudia betrifft zu spät, weil es nun auch um die Konsistenz der Bilderserie geht. Wer allerdings alle meine Zeichnungen verfolgt hat, wird feststellen können, daß auch Claudia über die Jahre tatsächlich etwas älter geworden ist.

Wir leben heute mit Sicherheit in einer Welt und einer Zeit, in der Menschen nach ihren Äußerlichkeiten beurteilt werden, aber ich wundere mich manchmal, welche Typen in den Medien als die perfekten Menschen verkauft werden. Ich möchte natürlich auch für mich selbst nicht absprechen, daß ich auf äußere Reize reagiere, doch das, was einen Menschen für mich dann äußerlich ausmacht ist nicht die Frage nach Orangenhaut, Speckröllchen, Pickeln, Brüsten, Alter, Haarfarben oder modischer Kleidung, sondern das, was dieser individuell aus seiner gottgegebenen Hülle macht. Oder um es klarer zu sagen, eine makellose Frau, die sich nur aus modischen Gründen wie Claudia aufstylen würde, fände ich völlig abstoßend im Gegensatz zu einer, die vielleicht viel mehr mit optischen Makeln behaftet ist, sich aber auf Grund ihrer inneren Einstellung wie Claudia gibt. Also letztlich sind es eben doch immer nur die inneren Werte, die auch das Äußere definieren. Wie auch immer, wer jedenfalls aus der Darstellung von Claudia in meinen Zeichnungen eine Huldigung perfekter, makelloser Schönheit und ewiger Jugend interpretiert, der sollte sich Claudia vielleicht noch einmal etwas genauer anschauen...




Zum Abschluß noch ein Blick aus der wissenschaftlichen Sicht:
     In der Psychologie gibt es den Begriff der "Imago", ein frühkindliches Bild, das eigentlich an das Elternbild angelehnt ist und oftmals dafür mit verantwortlich ist, daß wir uns bei der Suche unseres Lebenspartners bzw. -partnerin meist für einen ganz bestimmten Typ (ohne dieses jetzt aber nur auf Haar- oder Augenfarbe oder ähnliche rein äußerliche Belanglosigkeiten beziehen zu wollen) interessieren oder nicht interessieren. Möglicherweise etwas, daß in jedem von uns irgendwie festgelegt ist und unser späteres Leben unterbewußt mitbestimmt. Es scheint auch für mich durchaus vorstellbar, daß wir auf irgendeine Weise in unserer Kindheit geprägt werden. Und vielleicht ist Claudia ja eine solche "Imago", auch wenn ich weiß, daß das Elternbild bei mir nachweislich keine Rolle gespielt hat, aber das muß ja auch nicht der einzige Quell eines solchen inneren Bildes sein.
     So ist für mich bis heute noch in letzter Konsequenz die Frage offen, warum ich Zeit meines Lebens von diesem Bild von "Claudia" verfolgt werde und warum ich dieses so genau und detailliert vor Augen habe. Aber was wäre das Leben ohne die kleinen Rätsel und Geheimnisse?

PS: Ach ja, und noch etwas; Du kannst ja mal auf www.facebook.com nach "Claudia Lange" suchen, eine wirkliche Antowrt wird es dort aber wahrscheinlich auch nicht geben...

(Die letzte Aktualisierung dieser Seite erfolgte am 15.03.2010 um 21:03 Uhr!)
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